30. Internationales
Gitarren-Festival Iserlohn 2022

24. Juli - 30. Juli 2022

mit dem 11. MARTINEZ-Wettbewerb

Sprache: Deutsch Language: English
Guitarsymposium on Facebook Guitarsymposium on Youtube

Eine Woche Gitarrenparadies in Schwerte

Gregor Adamek, Dormagen

Das Wetter gibt Anlass zur Kritik. Sonntags gab es 24 Stunden nonstop Regen, nur an einem Tag hat es überhaupt nicht geregnet, richtig warm ist es nie geworden. Das sollte Thomas Kirchhoff besser können. Mehr Kritik ist nicht angebracht. Die ganze Woche bot Stoff für mindestens einen Monat, so dass schon jetzt Appetit aufs nächste Jahr aufkommt. Im Einzelnen:

Wieder haben sich ca. 200 Teilnehmer aus ca. 45 Ländern, 38 Dozenten und konzertierende Künstler aus ca. 13 Ländern und ca. 25 Aussteller aus ca. 10 Ländern für eine Woche an einer der idyllischsten Orte an der Ruhr zusammengefunden. Der Ort, das ist die evangelische Akademie in Villigst bei Schwerte, begeisterte mich auch beim 4. Besuch wieder. Um einen Eishockeyfeld-großen Innenhof gruppieren sich in völliger Harmonie authentisch restaurierte alte und einladend mit viel Glas gestaltete neue Gebäude, in denen die Teilnehmer eine Woche lang wohnen und arbeiten und (bis auf die Konzerte am Abend) alle wesentlichen Aktivitäten des Symposiums stattfinden. Auf diese Weise konzentriert sich alles auf kleinem Raum und an allen Ecken finden sich Anreize zum Verweilen, sei es der Unterricht, die Aussteller oder einfach eine gesellige Runde. Hier verläuft sich nichts und niemand und Kontakte zu anderen Teilnehmern entstehen fast von selber.

Wundervoll ist die Gastfreundschaft der Akademiemitarbeiter, die - sicherlich jenseits des normalen Arbeitspensums - von früh am Morgen bis tief in die Nacht für uns da sind, ganz ausgezeichnet die vier Mahlzeiten am Tag und die Versorgung mit Getränken und kleinen Snacks nach den Konzerten und bis tief in die Nacht.

Ein großes Kompliment auch wieder an Thomas Kirchhoff. Stets präsent und souverän leitet er das Festival mit leichter Hand, findet für Wünsche der Teilnehmer schnell die passenden Lösungen, integriert neue Teilnehmer mit unkomplizierter Offenheit, und lässt ganz einfach zu, dass in seinem Reich jeder nach seiner Facon selig wird.

Der Unterricht

Wenn nichts sonst stattfindet, ist wahrscheinlich irgendwo Unterricht. In mindestens 10 Räumen finden gleichzeitig die Unterrichtstunden statt. Alle Stunden sind öffentlich, woran man sich auch als Amateur sehr schnell gewöhnt. Die Stunden mit David Russell haben seit jeher großen Zulauf, 50 Zuschauer sind keine Seltenheit. Völlig zurecht: David Russell gelingt es in seinen Stunden stets, Details so herauszuarbeiten, dass Schüler und Publikum gleichermaßen profitieren. Dabei findet er immer eine individuelle Ansprache, die den Schüler auf seinem (meist recht hohen) Niveau abholt. Aber auch andere Lehrer haben begeisternde Stunden präsentiert, u.a. sah ich Unterrichtstunden mit Pavel Steidel, Frank Gerstmeier, Jorge Caballero und Irina Kulikova auf gleichsam hohem inhaltlichem und unterhaltsamem Niveau - eine Aufzählung ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Ausdrücklich möchte ich meine eigenen Lehrer in diesem Jahr hervorheben: Frank Gerstmeier, Andrea Vettoretti, Alfonso Montes und Emma Rush gaben ausnahmslos Stunden mit hohem Gewinn für mich.

Die Aussteller

In zwei Räumen präsentieren Gitarrenbauer ihre Instrumente. Diese freuen sich stets, wenn jemand ihre Werke zur Hand nimmt (die hier ist erst drei Tage alt, schön wenn sie jemand einspielt), wovon ich gerne und reichlich Gebrauch gemacht habe. Es gab wieder viel Ungewöhnliches zu entdecken, seien es die 3,5-Kilo-Gitarren von Jeroen Hilhorst (was sich - wenn unvorbereitet - in den Bandscheiben bemerkbar macht), die teilweise grün lackierten Gitarren von allerlei origineller Ausgestaltung von Zucali oder die an älteren Vorbildern orientierten Instrumente von Annette Stephany und Lorenzo Frignani, und vieles andere mehr. Daneben konkurrieren Double-Top-Instrumente unterschiedlicher Konstruktion z.B. von Antonius Möller und Mario Gropp, und viele Instrumente traditioneller Bauweise miteinander, dass einem das Herz aufgeht. Auch waren wieder Michael McMeekan (Chanterelle) und das Musikhaus Trekel vor Ort mit vielfältigem Angebot an Noten und Zubehör.

Die Konzerte

Die Konzerte sind stets und in diesem Jahr in besondere Weise die großen Leckerbissen des Symposiums. Für Teilnehmer hat Thomas einen reibungslosen Shuttleservice organisiert. Schön zu sehen, dass auch die Iserlohner Bevölkerung das Angebot annimmt, bereits 1 Stunde vor Beginn der Konzerte hat sich an jedem Abend eine beträchtliche Schlange von Nichtteilnehmern an der Pforte zur Obersten Stadtkirche Iserlohn gebildet.

Selbst zum Konzert für Frühanreisende fanden sich etliche auswärtige Besucher ein, so dass die Kapelle in der Akademie bis zu den Türen hinaus gefüllt war - ein Hinweis darauf, dass dieses Angebot zu Recht besteht. Dieses Jahr spielten zu diesem Anlass 2 Quartette auf, die den Stammgästen des Symposiums wohlbekannt sind. Zunächst das Cuarteto Apasionado - die 4 Berlinerinnen boten dabei lateinamerikanische (oder von dort inspirierte) Werke von Bellinati, Ramirez, M.D.Pujol und Roux - frisch und souverän vorgetragen. Gute alte Bekannte sind auch das Baltic Guitar Quartet, das bereits vor Jahren als Teilnehmer des Symposiums begann. Inzwischen handelt es sich um ein perfekt eingespieltes Quartett, das gerne auch das komödiantische Fach bedient, immer in synchroner Abstimmung mit der Musik - beste Unterhaltung.

Das offizielle Konzertprogramm startete dann mit einem besonderen Ereignis: das Amadeus Guitar Duo und das Duo Gruber-Makler spielten dabei u.a zwei der Orchester-Werke von Joaquin Rodrigo zusammen mit Orgel, gespielt vom ausgezeichneten Organisten Tobias Aehlig. Dank großer Spielfreude und hervorragend ausbalancierter Verstärkung der Gitarren ein gelungenes Experiment, an dem neben dem Publikum auch die ausführenden Künstler sichtbare Freude hatten.

Im zweiten Teil des Abends folgte das Tango-Duo Giampaolo Bandini (Gitarre) und Cesare Chiacchiaretta (Bandoneon), auch schon zum dritten Mal Teilnehmer des Festivals. Die Musik der beiden verbreitet pure Emotion, was sowohl durch die zwischen androgyn und diabolisch wechselnde Gestalt des Bandoneon-Spielers als auch durch den ungewöhnlich beweglichen Gitarristen unterstützt wird. Standing Ovations.

Der Montag gehörte allein David Russell, der an diesem Abend Werke von Regondi, Händel, Bach, Roux und Alb-niz auf dem Programm hatte. Als Kontrast zu vielen betont hochvirtuosen Darbietungen der Woche präsentierte er wie schon oft pure Asthetik, wobei die drei Sinfoniae aus der Kantate 156 von J.S.Bach für mich den genussvollen Höhepunkt darstellten. Standing Ovations.

Das Duo Alfonso Montes / Irina Kircher hatten am Dienstag die undankbare Aufgabe, das "Vorprogramm" zum am meisten vorab diskutieren Konzert der Woche zu bilden. Sie lösten diese Aufgabe auf ihre ganz eigene Art mit Bravour und erfrischendem süamerikanischem Sound, der stets ein willkommener Kontrast in einer klassisch dominierten Woche darstellt.

In der zweiten Hälfte des Konzerts dann Jorge Caballero. Mit 3 Stücken aus Isaac Alb-niz Iberia-Suite spielte er sich warm. Danach dann die "Bilder einer Ausstellung". Jorge Caballero spielt diese Dinge unglaublich sicher, und ausgehend von einem ungewöhnlich trockenen harten Grundton gelingen ihm Nuancen von größter Feinheit (2. Promenade) bis zu einem bombastischen Sound, der auch "Das große Tor von Kiew" die ihm gebührende Größe zuteil werden lässt. Einzig die Bearbeitung des "Balletts der Küken in ihren Eierschalen" ist auch bei Caballero nach wie vor grenzwertig. Standing Ovations und 4 Zugaben. Einhellige Zustimmung von allen Seiten.

Der Mittwoch begann mit Laura Young und ihren aufwändigen Bearbeitungen von Max-Reger-Werken, einer Cello-Suite und einer Violinsonate. Diese Sachen gehen schon stark in die Grenzen des Instruments, Laura Young vermag es freilich, die Balance zu halten. Zum Abschluss gab es ein Wiederhören mit Carlo Domeniconis Koyunbaba, immer noch hörenswert. Im zweiten Teil des Abends bot Pavel Steidel eines der herausragenden Konzerte der Woche. Pavel Steidels Programme lesen sich nicht sonderlich spannend, sei es die Suite aus Werken böhmischer Komponisten, Sor-Menuette, Paganinis Solowerke oder ein Napoleon-Coste-Potpourri. In seinen Händen aber werden daraus Kunstwerke mit höchstem Unterhaltungswert, wozu er auch seine Mimik punktgenau einsetzt. Dazu setzte er als filigranen Abschluss seine eigene Komposition "Hommage - Jana Obrovsk". Ganz großes Kino, Standing Ovations.

Am Donnerstag standen die Konzerte zwei ehemaliger Wettbewerbssieger des Iserlohner Gitarrenwettbewerbs auf dem Programm. Zunächst spielte die Siegerin von 2008, Irina Kulikova. Ihr Programm (ausschließlich Originalkompositionen von José Maria Galliardo del Rey, Fernando Sor und Dale Kavenagh, Zugabe von Agustin Mangor Barrios) trug die sympathische Künstlerin mit wunderschönem Ton und sensibler Musikalität vor, vollendete Technik ist hier selbstverständlich und ausschlielich Mittel zum Zweck. Ein Konzert zum Genießen.

Im zweiten Teil des Abends dann der Sieger von 2004 (und jede Menge anderer Wettbewerbe) Goran Krivokapic. Dieser spielte Werke von C.Ph.E.Bach, Werthmöller und Antonio José, Haydn als Zugabe. Sein Spiel ist auch nach den Konzerten der Vortage immer noch verblüffend virtuos, unglaublich schnell bis rastlos und stets sicher, musikalisch intelligent konzipiert. Jedoch gab es auch Stimmen, die Interpretation wirke stark verkopft. Welcher Luxus einer Kritik, wenn man sich die Maßstäbe an Gitarrenkonzerte noch vor einem Jahrzehnt vor Augen führt!

Als Abschluss der Dozentenkonzerte gab es am Freitag einen italienischen Abend. Den Anfang machte dabei Andrea Vettoretti mit Werken von ihm selbst, Simone Iannarelli, Andrew York und Tarr-ga (Gran Jota). Sein Vortrag ist geschmackssicher und immer kontrolliert, das große Spektakel ist seine Sache freilich nicht. Das folgte dann im zweiten Teil mit Aniello Desiderio: Schon zu Beginn ein musikalisches Ausrufezeichen: Leo Brouwers "Paisaje cubano con tristeza" führte er nahtlos über in Napoleon Costes "Le Depart". Klingt nach saurer Gurke mit Schlagsahne, schmeckt aber deutlich besser, und wer mit den beiden Stücken nicht vertraut ist, mag evtl. gar nicht erkannt haben, wo das eine endete und das andere anfing. Zwei Sonaten von Domenico Cimarosa waren einfach nur hervorragend gespielt, dann wieder 2 Klassiker von Isaac Albniz "Asturias und Sevilla" völlig neu akzentuiert, und schließlich die Sonatina von Moreno-Torroba, mit dem lyrischen Mittelteil, bei dem er sich inspiriert sah von John Wayne am Lagerfeuer mit Pellkartoffeln, wie er später am Abend bei einem Glas Rotwein erläuterte. Aniello Desiderio bedient sich einer unerreichten Palette an technischen und dynamischen Möglichkeiten und erfindet damit die Werke, die er spielt, völlig neu, es sind (notengetreue) freie Phantasien über die Originalwerke. Werktreue ist nicht seine Maxime (woran von einigen durchaus Kritik geübt wurde, aber die Überwiegende Mehrheit ist restlos begeistert), in einem Radiointerview während es Symposiums beklagte er vielmehr, dass Gitarristen zu viel Respekt vor den Partituren haben! Noch einmal völlig verdiente stehende Ovationen für dieses überirdische Konzert.

Am letzten Tag gab es schließlich das Abschlusskonzert mit ganz ausgezeichneten Leistungen der teilnehmenden Studenten und der zwanzigsten Ensemble-Komposition von Gerald Garcia für das Gitarrensymposium - diesmal mit der armenischen Solo-Bratschistin Armine Abrahmyan. In gerade einmal 6 schweißtreibenden Proben erarbeitete das Ensemble das insbesondere rhythmisch sehr aufwändige Werk "The Crow persued by Falcons" gefolgt von dem auf einem melancholischen armenischen Liebeslied basierten "Heart of Water", und boten damit einen würdigen Schlusspunkt für die Konzertwoche.

Zurück zur Übersicht