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Eine Woche Gitarrenparadies in Schwerte

Gregor Adamek, Dormagen

Das Wetter gibt Anlass zur Kritik. Sonntags gab es 24 Stunden nonstop Regen, nur an einem Tag hat es berhaupt nicht geregnet, richtig warm ist es nie geworden. Das sollte Thomas Kirchhoff besser knnen. Mehr Kritik ist nicht angebracht. Die ganze Woche bot Stoff fr mindestens einen Monat, so dass schon jetzt Appetit aufs nchste Jahr aufkommt. Im Einzelnen:

Wieder haben sich ca. 200 Teilnehmer aus ca. 45 Lndern, 38 Dozenten und konzertierende Knstler aus ca. 13 Lndern und ca. 25 Aussteller aus ca. 10 Lndern fr eine Woche an einer der idyllischsten Orte an der Ruhr zusammengefunden. Der Ort, das ist die evangelische Akademie in Villigst bei Schwerte, begeisterte mich auch beim 4. Besuch wieder. Um einen Eishockeyfeld-groen Innenhof gruppieren sich in vlliger Harmonie authentisch restaurierte alte und einladend mit viel Glas gestaltete neue Gebude, in denen die Teilnehmer eine Woche lang wohnen und arbeiten und (bis auf die Konzerte am Abend) alle wesentlichen Aktivitten des Symposiums stattfinden. Auf diese Weise konzentriert sich alles auf kleinem Raum und an allen Ecken finden sich Anreize zum Verweilen, sei es der Unterricht, die Aussteller oder einfach eine gesellige Runde. Hier verluft sich nichts und niemand und Kontakte zu anderen Teilnehmern entstehen fast von selber.

Wundervoll ist die Gastfreundschaft der Akademiemitarbeiter, die - sicherlich jenseits des normalen Arbeitspensums - von frh am Morgen bis tief in die Nacht fr uns da sind, ganz ausgezeichnet die vier Mahlzeiten am Tag und die Versorgung mit Getrnken und kleinen Snacks nach den Konzerten und bis tief in die Nacht.

Ein groes Kompliment auch wieder an Thomas Kirchhoff. Stets prsent und souvern leitet er das Festival mit leichter Hand, findet fr Wnsche der Teilnehmer schnell die passenden Lsungen, integriert neue Teilnehmer mit unkomplizierter Offenheit, und lsst ganz einfach zu, dass in seinem Reich jeder nach seiner Faon selig wird.

Der Unterricht

Wenn nichts sonst stattfindet, ist wahrscheinlich irgendwo Unterricht. In mindestens 10 Rumen finden gleichzeitig die Unterrichtstunden statt. Alle Stunden sind ffentlich, woran man sich auch als Amateur sehr schnell gewhnt. Die Stunden mit David Russell haben seit jeher groen Zulauf, 50 Zuschauer sind keine Seltenheit. Vllig zurecht: David Russell gelingt es in seinen Stunden stets, Details so herauszuarbeiten, dass Schler und Publikum gleichermaen profitieren. Dabei findet er immer eine individuelle Ansprache, die den Schler auf seinem (meist recht hohen) Niveau abholt. Aber auch andere Lehrer haben begeisternde Stunden prsentiert, u.a. sah ich Unterrichtstunden mit Pavel Steidel, Frank Gerstmeier, Jorge Caballero und Irina Kulikova auf gleichsam hohem inhaltlichem und unterhaltsamem Niveau eine Aufzhlung ohne Anspruch auf Vollstndigkeit. Ausdrcklich mchte ich meine eigenen Lehrer in diesem Jahr hervorheben: Frank Gerstmeier, Andrea Vettoretti, Alfonso Montes und Emma Rush gaben ausnahmslos Stunden mit hohem Gewinn fr mich.

Die Aussteller

In zwei Rumen prsentieren Gitarrenbauer ihre Instrumente. Diese freuen sich stets, wenn jemand ihre Werke zur Hand nimmt (die hier ist erst drei Tage alt, schn wenn sie jemand einspielt), wovon ich gerne und reichlich Gebrauch gemacht habe. Es gab wieder viel Ungewhnliches zu entdecken, seien es die 3,5-Kilo-Gitarren von Jeroen Hilhorst (was sich wenn unvorbereitet in den Bandscheiben bemerkbar macht), die teilweise grn lackierten Gitarren von allerlei origineller Ausgestaltung von Zucali oder die an lteren Vorbildern orientierten Instrumente von Annette Stephany und Lorenzo Frignani, und vieles andere mehr. Daneben konkurrieren Double-Top-Instrumente unterschiedlicher Konstruktion z.B. von Antonius Mller und Mario Gropp, und viele Instrumente traditioneller Bauweise miteinander, dass einem das Herz aufgeht. Auch waren wieder Michael McMeekan (Chanterelle) und das Musikhaus Trekel vor Ort mit vielfltigem Angebot an Noten und Zubehr.

Die Konzerte

Die Konzerte sind stets und in diesem Jahr in besondere Weise die groen Leckerbissen des Symposiums. Fr Teilnehmer hat Thomas einen reibungslosen Shuttleservice organisiert. Schn zu sehen, dass auch die Iserlohner Bevlkerung das Angebot annimmt, bereits 1 Stunde vor Beginn der Konzerte hat sich an jedem Abend eine betrchtliche Schlange von Nichtteilnehmern an der Pforte zur Obersten Stadtkirche Iserlohn gebildet.

Selbst zum Konzert fr Frhanreisende fanden sich etliche auswrtige Besucher ein, so dass die Kapelle in der Akademie bis zu den Tren hinaus gefllt war ein Hinweis darauf, dass dieses Angebot zu Recht besteht. Dieses Jahr spielten zu diesem Anlass 2 Quartette auf, die den Stammgsten des Symposiums wohlbekannt sind. Zunchst das Cuarteto Apasionado - die 4 Berlinerinnen boten dabei lateinamerikanische (oder von dort inspirierte) Werke von Bellinati, Ramirez, M.D.Pujol und Roux frisch und souvern vorgetragen. Gute alte Bekannte sind auch das Baltic Guitar Quartet, das bereits vor Jahren als Teilnehmer des Symposiums begann. Inzwischen handelt es sich um ein perfekt eingespieltes Quartett, das gerne auch das komdiantische Fach bedient, immer in synchroner Abstimmung mit der Musik beste Unterhaltung.

Das offizielle Konzertprogramm startete dann mit einem besonderen Ereignis: das Amadeus Guitar Duo und das Duo Gruber-Makler spielten dabei u.a zwei der Orchester-Werke von Joaquin Rodrigo zusammen mit Orgel, gespielt vom ausgezeichneten Organisten Tobias Aehlig. Dank groer Spielfreude und hervorragend ausbalancierter Verstrkung der Gitarren ein gelungenes Experiment, an dem neben dem Publikum auch die ausfhrenden Knstler sichtbare Freude hatten.

Im zweiten Teil des Abends folgte das Tango-Duo Giampaolo Bandini (Gitarre) und Cesare Chiacchiaretta (Bandoneon), auch schon zum dritten Mal Teilnehmer des Festivals. Die Musik der beiden verbreitet pure Emotion, was sowohl durch die zwischen androgyn und diabolisch wechselnde Gestalt des Bandoneon-Spielers als auch durch den ungewhnlich beweglichen Gitarristen untersttzt wird. Standing Ovations.

Der Montag gehrte allein David Russell, der an diesem Abend Werke von Regondi, Hndel, Bach, Roux und Albniz auf dem Programm hatte. Als Kontrast zu vielen betont hochvirtuosen Darbietungen der Woche prsentierte er wie schon oft pure sthetik, wobei die drei Sinfoniae aus der Kantate 156 von J.S.Bach fr mich den genussvollen Hhepunkt darstellten. Standing Ovations.

Das Duo Alfonso Montes / Irina Kircher hatten am Dienstag die undankbare Aufgabe, das Vorprogramm zum am meisten vorab diskutieren Konzert der Woche zu bilden. Sie lsten diese Aufgabe auf ihre ganz eigene Art mit Bravour und erfrischendem samerikanischem Sound, der stets ein willkommener Kontrast in einer klassisch dominierten Woche darstellt. In der zweiten Hlfte des Konzerts dann Jorge Caballero. Mit 3 Stcken aus Isaac Albniz Iberia-Suite spielte er sich warm. Danach dann die Bilder einer Ausstellung. Jorge Caballero spielt diese Dinge unglaublich sicher, und ausgehend von einem ungewhnlich trockenen harten Grundton gelingen ihm Nuancen von grter Feinheit (2. Promenade) bis zu einem bombastischen Sound, der auch Das groe Tor von Kiew die ihm gebhrende Gre zuteil werden lsst. Einzig die Bearbeitung des Balletts der Kken in ihren Eierschalen ist auch bei Caballero nach wie vor grenzwertig. Standing Ovations und 4 Zugaben. Einhellige Zustimmung von allen Seiten.

Der Mittwoch begann mit Laura Young und ihren aufwndigen Bearbeitungen von Max-Reger-Werken, einer Cello-Suite und einer Violinsonate. Diese Sachen gehen schon stark in die Grenzen des Instruments, Laura Young vermag es freilich, die Balance zu halten. Zum Abschluss gab es ein Wiederhren mit Carlo Domeniconis Koyunbaba, immer noch hrenswert. Im zweiten Teil des Abends bot Pavel Steidel eines der herausragenden Konzerte der Woche. Pavel Steidels Programme lesen sich nicht sonderlich spannend, sei es die Suite aus Werken bhmischer Komponisten, Sor-Menuette, Paganinis Solowerke oder ein Napoleon-Coste-Potpourri. In seinen Hnden aber werden daraus Kunstwerke mit hchstem Unterhaltungswert, wozu er auch seine Mimik punktgenau einsetzt. Dazu setzte er als filigranen Abschluss seine eigene Komposition Hommage Jana Obrovsk. Ganz groes Kino, Standing Ovations.

Am Donnerstag standen die Konzerte zwei ehemaliger Wettbewerbssieger des Iserlohner Gitarrenwettbewerbs auf dem Programm. Zunchst spielte die Siegerin von 2008, Irina Kulikova. Ihr Programm (ausschlielich Originalkompositionen von Jos Maria Galliardo del Rey, Fernando Sor und Dale Kavenagh, Zugabe von Agustin Mangor Barrios) trug die sympathische Knstlerin mit wunderschnem Ton und sensibler Musikalitt vor, vollendete Technik ist hier selbstverstndlich und ausschlielich Mittel zum Zweck. Ein Konzert zum Genieen.

Im zweiten Teil des Abends dann der Sieger von 2004 (und jede Menge anderer Wettbewerbe) Goran Krivokapic. Dieser spielte Werke von C.Ph.E.Bach, Werthmller und Antonio Jos, Haydn als Zugabe. Sein Spiel ist auch nach den Konzerten der Vortage immer noch verblffend virtuos, unglaublich schnell bis rastlos und stets sicher, musikalisch intelligent konzipiert. Jedoch gab es auch Stimmen, die Interpretation wirke stark verkopft. Welcher Luxus einer Kritik, wenn man sich die Mastbe an Gitarrenkonzerte noch vor einem Jahrzehnt vor Augen fhrt!

Als Abschluss der Dozentenkonzerte gab es am Freitag einen italienischen Abend. Den Anfang machte dabei Andrea Vettoretti mit Werken von ihm selbst, Simone Iannarelli, Andrew York und Tarrga (Gran Jota). Sein Vortrag ist geschmackssicher und immer kontrolliert, das groe Spektakel ist seine Sache freilich nicht. Das folgte dann im zweiten Teil mit Aniello Desiderio: Schon zu Beginn ein musikalisches Ausrufezeichen: Leo Brouwers Paisaje cubano con tristeza fhrte er nahtlos ber in Napoleon Costes Le Depart. Klingt nach saurer Gurke mit Schlagsahne, schmeckt aber deutlich besser, und wer mit den beiden Stcken nicht vertraut ist, mag evtl. gar nicht erkannt haben, wo das eine endete und das andere anfing. Zwei Sonaten von Domenico Cimarosa waren einfach nur hervorragend gespielt, dann wieder 2 Klassiker von Isaac Albniz Asturias und Sevilla vllig neu akzentuiert, und schlielich die Sonatina von Moreno-Torroba, mit dem lyrischen Mittelteil, bei dem er sich inspiriert sah von John Wayne am Lagerfeuer mit Pellkartoffeln, wie er spter am Abend bei einem Glas Rotwein erluterte. Aniello Desiderio bedient sich einer unerreichten Palette an technischen und dynamischen Mglichkeiten und erfindet damit die Werke, die er spielt, vllig neu, es sind (notengetreue) freie Phantasien ber die Originalwerke. Werktreue ist nicht seine Maxime (woran von einigen durchaus Kritik gebt wurde, aber die berwiegende Mehrheit ist restlos begeistert), in einem Radiointerview whrend es Symposiums beklagte er vielmehr, dass Gitarristen zu viel Respekt vor den Partituren haben! Noch einmal vllig verdiente stehende Ovationen fr dieses berirdische Konzert.

Am letzten Tag gab es schlielich das Abschlusskonzert mit ganz ausgezeichneten Leistungen der teilnehmenden Studenten und der zwanzigsten Ensemble-Komposition von Gerald Garcia fr das Gitarrensymposium diesmal mit der armenischen Solo-Bratschistin Armine Abrahmyan. In gerade einmal 6 schweitreibenden Proben erarbeitete das Ensemble das insbesondere rhythmisch sehr aufwndige Werk The Crow persued by Falcons gefolgt von dem auf einem melancholischen armenischen Liebeslied basierten Heart of Water, und boten damit einen wrdigen Schlusspunkt fr die Konzertwoche.

Ausblick

Nchstes Jahr geht es weiter, und zwar mit dem Wettbewerb (9.8.2012 bis 11.8.2012) und dem Symposium (12.08.2012 19.08.2012). Man darf gespannt sein, wie Thomas das Niveau dieses Jahr halten will, tatkrftig dabei helfen werden Pepe Romero, Alvaro Pierri, Los Angeles Guitar Quartet, Duo Melis, Tantalus Quartet, Dale Kavanagh, Eos Quartet, Judecal Perroy, Tomasz Zawierucha, Matthew McAllister, Hubert Kppel, Stephen Aaron, Duo Caputo-Pomillo, Gerald Garcia, Bruce Holzman, Danielle Cumming, Pablo de la Cruz, Hans-Werner Huppertz., Frank Gerstmeier und Ulrich Stracke.

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