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Symposion 2007 - Erlebnisbericht eines Teilnehmers

Von Gangolf Hontheim, Lebach (Saar)

Auch in diesem Jahr komme ich gerne der Bitte von Thomas Kirchhoff, dem Organisator dieser Festival-Reihe nach, ungeschminkt über meine Eindrücke als Teilnehmer zu berichten:

Um das Gesamturteil vorweg zu nehmen: Es war superb! Für alle entscheidenden Segmente kann man nur Höchstnoten vergeben: für die landschaftliche Einbettung, die bauliche Gesamtanlage des "Hauses Villigst", die Unterkünfte und die Küche, die Unterrichtsangebote, die Abendkonzerte, die Gesamtstimmung und die Ablauforganisation. Aber der Reihe nach:

Erstmals war in diesem Jahr die vor den Toren der Stadt Schwerte gelegene Evangelische Tagungsstätte "Haus Villigst" Sitz des "Iserlohner Symposions", nachdem 16 Jahre lang die Anlage "Haus Orthlohn" in Iserlohn selbst die Veranstaltung beherbergt hatte. Die neue Einrichtung geht baulich auf ein Rittergut des 12. Jahrhunderts zurück, wurde aber in späteren Jahrhunderten um ganze Gebäudekomplexe ergänzt, zuletzt um einen geschmackvoll an die Altsubstanz angefügte moderne Einheit mit Rezeption und Konzertraum (selbstverständlich ausgestattet mit einem "Steinway") sowie einen Kapellenbau, dessen architektonische Gestaltung schon alleine einen eigenen Beitrag verdienen würde. Die Anlage hat man vor kurzem sowohl in den Unterkunfts- als auch den funktionalen Bereichen auf aktuelle Wohn- und Kongressanforderungen "hochgerüstet", ohne die gegebene Altsubstanz zu verletzen. So lädt schon der klassizistisch geprägte Torbereich zum Verweilen ein, erst recht der anschließende Innenhof, den ein Ensemble aus dem würdevollen, ebenfalls klassizistischen Hauptgebäude und einer Mehrzahl funktionaler Gebäude umgibt. Hinter dem Hauptgebäude vermittelt ein wunderschöner Park den Anschluss an die unmittelbar vorbei fließende Ruhr. Alte Baumbestände und eine üppige Vegetation runden die reizvolle Gesamteinbettung ab.

Auch die Unterkünfte, die Küche (reichhaltige Buffets viermal pro Tag!) und das stets freundliche, sachkundige Personal ließen nicht nur keine Wünsche offen, sondern übertrafen bei weitem das Maß dessen, was man üblicher Weise antrifft. Ich durfte das Zimmer und alle Gesprächsthemen mit einem mir schon bekannten, ebenso sprach- und musikbegabten wie angenehmen Holländer teilen.

Nicht minder überdurchschnittlich, teilweise fast überirdisch war die Liste der anwesenden, teils weit hergereisten "Cracks": neben den üblichen Mitgestaltern wie Thomas Kirchhoff, seiner Frau Dale Kavanagh, Ulrich Stracke, Frank Gerstmeier, Winy Kellner u.a.m. konnten wir Größen wie die Duos Bandini & Chiacchiareta, Caputo-Pompilio und Montes-Kircher, das Baltic Quartet, Andrea Vettoretti, Scott Morris, Tom Kerstens, Bruce Holzman, Tom Johnson und nicht zuletzt Kaliber wie das Los Angeles Guitar Quartet ("LAGQ"), David Russell, Pavel Steidel und Aniello Desiderio begrüßen und von früh bis spät erleben. Nicht zu vergessen dabei der in seiner unnachahmlichen Verrücktheit omnipräsente Gerald García, eine höchst angenehme Dauerbegleiterscheinung der Festivalreihe, der mit seinen Ensemblekompositionen und Einübungen aber auch höchst seriöse Duftmarken setzte.

Entsprechend hoch war der Andrang der Zuschauer, wenn die erwähnten Größen ihren je individuellen, aber dennoch musikalisch stringenten Unterricht erteilten. Ich selbst durfte mit Dale Kavanagh selbst ihre beiden "Etuden für Roberto" bearbeiten, eine höchst packende und bereichernde, v.a. authentische Erfahrung! Meine Stunden mit Bruce Holzman und Frank Gerstmeier (er ist nicht ohne Grund jährlicher Wunschdozent von mir!) mit unbekannten, aber komplexen Renaissancestücken verliefen ebenso fundiert und ertragreich, aber den Unterhaltungshöhepunkt hatte ich bei Pavel Steidel mit dem hochinteressanten wie höchst komplexen Stück "Clocks" von Joan Tower, einer zeitgenössischen US-amerkanischen Komponistin. Der Humor, gepaart mit der Gestik und Mimik Pavels, sucht seinesgleichen! (Zur Bewältigung rhythmisch schwieriger Gruppierungen (Triolen bis Nonolen!) empfahl er Merkwörter, die allesamt ein Leben lang merkfähig, aber z.Tl. nicht zitierfähig sind!)

Zu den Konzerten, den Höhepunkten der Woche: Mit Ausnahme des ersten Abends, den das LAGQ in dem großräumigen Parktheater Iserlohn gestaltete, fanden alle weiteren Konzerte in gewohnter und kultivierter Umgebung statt: in der Obersten Stadtkirche in Iserlohn. Der Transfer dorthin und zurück wurde für die Teilnehmer allabendlich durch Sonderbusse gewährleistet.

Breit gespannt wie das Können des LAGQ war auch das Spektrum ihres Programms, von Rossini über die Welt"sekundäre" eines Stücks von Gerald Garcíade, de Falla, über diverse Brasilianer, eine Uraufführung des in dem Festival ebenfalls persönlich anwesenden Carlo Domeniconi bis hin zur Arrangements bekannter "American Classics". Insbesondere der Zyklus "El amor brujo" (für mich geradezu fesselnd die abgeklärte Interpretation des "círculo mágico") überzeugte und begeisterte in seinem spezifisch sublimierten, fast mystischen andalusischen Klangschleier, der die erhabene Größe de Fallas ausmacht.

Am nächsten Abend wieder ein "Hammer"": David Russel, der ebenfalls an sich keiner Huldigung mehr bedarf. Beide Hälften begann er mit alter, seltener gehörter Musik (z.B. Couperin und Loeillet de Gant), in der er seine stupende Technik glasklar in den Dienst der Cembalo-Ornamentik und anderer Anforderungen der Epoche stellen konnte. Von ganz anderer geistiger und emotionaler Umgebung geprägt, aber ebenso unüberbietbar in ihrem spezifischen Colorit interpretiert dann die Albéniz-Stücke Mallorca und Malaguena. Es folgten ebenso makellos weitere, jetzt zeitgenössische Kompositionen und nach dem "Schein-Ende" dann 4 (!) Zugaben, darunter das Ùltimo tremolo von Bárrios, das man zwar an allen Ecken mehr oder weniger brauchbar hört, das unter den Händen Russels aber immer wieder in Vollendung diejenige fesselnde, sakral-endzeitliche Dimension erreicht, die dem Anliegen und der Sprache des Stücks eigen ist.

Das Konzert des folgenden Abends war zweigeteilt: Die erste Hälfte bestritt Andrea Vettoretti, der nicht nur in Iserlohn eine längst bekannte Größe ist, mit den "Kaffee-Stücken" von Iannarelli, einem Reigen venezuelanischer Stücke von Sojo, der Tarantella von Tedesco und der Gran Jota von Tárrega. Diese vier grundverschiedenen Welten des Empfindens und der musikalischen Sprache bewältigte Andrea mit technischer Brillianz ebenso wie mit der jeweils erforderlichen kulturellen Einfindung.

Die 2. Hälfte verlief dann in jeder Hinsicht "außergewöhnlich": Man betrat nach der Pause ein fast völlig abgedunkeltes Kirchenschiff, der Chorraum bot sich als eine magische Kombination aus schwarzer Dunkelheit und sparsamer, aber um so eindringlicherer roter Lichtbeflutung dar, einer Farbenkombination, die sofort die Kultur Argentiniens, aber allgemein auch das Wechselspiel von Leben und Liebe, Blut und Tod assoziierte. Trotz bereits erlebter Konzerthöhepunkte wurde der dieser Umgebung adäquate Auftritt des Duos Bandini (Gitarre) & Chiacchiaretta (Bandonion) zu einem lebenslang unvergesslichen Ereignis: Beide entspannten, die Mienen gehüllt in das Dunkel der Umgebung, die Hände und Instrumente sparsam beleuchtet, in der durch Piazzolla geschaffenen oder geprägten Welt des Tango geradezu einen eigenen Kosmos, der in Worten nicht darstellbar ist! Das fesselnde, Lyrik, Freude und tiefen Schmerz umfassende Gegen- und Begleitspiel zwischen Bandonion und Gitarre, das exakte Zusammenspiel trotz schier ausufernder Rubati oder plötzlicher Tempoeruptionen, die klangliche Gestaltung von Linien aus dem Nichts bis hin zur Schmerzgrenze und wieder bis zum Verschwinden in der Tiefe des Raumes, der Glockenschlag der Kirchturmuhr, der sich ungeplant, aber mystifizierend in das Geschehen mischte - dies sind nur einige Aspekte dieses unfassbaren Abends. Das Auditorium war von der ersten bis zur letzten Minute erschlagen. Die letzte der 5 (!) Zugaben, während der es fast keinen Zuhörer mehr auf seinem Sitzplatz hielt, erreichte dann den Grenzwert, ab dem schiere Fassungslosigkeit eintritt: Die Interpretation des "El día que me quieras" von Gardel war der kompromisslose Schlussstrich unter ein Konzerterlebnis, von dem man ein Leben lang zehrt. Die Leute verließen wie in einem Glücksschock die Kirche, die meisten unfähig, überhaupt ein Wort zu reden. Ein ganz großer Abend für die Kultur, eine nachwirkende "saudade" in allen Konjugationsformen des seelischen Empfindens!

Das Konzert tags darauf war dreigeteilt: Nach Tom Kerstens, der, in letzter Minute angekommen, bei seiner Darbietung von Werken Granados, Talbots und Ginasteras erkennbar unter der hereinbrechenden Schwüle zu kämpfen hatte, dann wieder ein Höhepunkt: Das junge italienische Duo Caputo-Pompilio bot Bachs gesamten "Goldberg-Variationen" in der je nach Kontext gebotenen bravourösen Sublimität und Virtuosität. Verständlich nach dieser Leistung, aber fast schade war es, dass Beide noch um Zugaben gebeten wurden: Denn welche Zugabe verdient es, nach der Schlussaria, einer der für mich ultimativsten Botschaften der Menschheit für die Ewigkeit, noch zu erklingen?

Auch der dritte Teil des Abends wurde, wenn auch in ganz anderer musikalischer und emotionaler Sprache, zum Genuss: Das Duo Montes-Kircher präsentierte sich in erfrischender Virtuosität mit Werken von Sanz, die dann nahtlos in die südamerikanische Welt übergingen, z.Tl. mit Werken von Alfonso Montes selbst. Die atemberaubende Virtuosität von Irina Kircher tat ihr Übriges, sodass der Konzertbeitrag sich farblich abhob von der "Seriosität" anderer Konzerte, ohne aber nur im Geringsten flach zu erscheinen. "U-Musik" als "E-Musik" und umgekehrt, was will man mehr?!

Schon fast gesättigt erwartete man den Donnerstagabend, jedoch ungläubig, dass es noch "Sahnehäubchen" geben könne. Den ersten Teil bestritt Scott Morris u.a. mit Brouwer und Mertz, wobei er bedauerlicher Weise gegen diverse externe akustische Störungen (Donnergrollen, Sturzregen, Sirenengeheul) anzukämpfen hatte.

Nach der Pause hatten sich auch diese äußeren Bedingungen wieder beruhigt. Spannung und eine erwartungsfrohe Unruhe lag im Raum: der Auftritt Pavel Steidels stand an. Dann erfüllte er nicht nur, er übertraf wieder alle Erwartungen: Ernsthaft und musikalisch souverän, technisch brilliant und transparent der barocke Eingangsteil mit drei Stücken aus der Feder dreier tschechischer Komponisten aus dem Bekanntenkreis von S.L. Weiß, darunter des bekannteren Comte de Logy (oder "Losy")! Jeder wusste aber, dass es mit Pavel so "gesittet" nicht weitergehen werde. Und dann entfaltete er, zuweilen auf einem kleinen Instrument des 19. Jahrhunderts, die ihm eigene Mischung als Clown, Grimassenschneider, Virtuose und Vollblutmusiker. Die Musik steuerte die Mimik, die Mimik die Musik! Eine pausenlose Mixtur aus Schauspiel und musikalischem Anliegen, wobei jede dieser Komponenten in gleichem Maße überzeugte, weil beide stets im Dienste der musikalischen Botschaft standen. Viele technische Details könnte man beschreiben, etwa den auf gedämpfter Saite stehenden, klickenden kleinen Finger, der der Jimmy-Hendrix-Hommage von Domeniconi ein ganz besonderes "Groove" verpasste.

Und dann der Freitag! Den ersten Teil sollte Costas Cotsiolis bestreiten, der aber kurzfristig absagen musste. Für ihn sprang Gerhard Reichenbach in die Bresche. Schon nach wenigen Takten der von ihm transkribierten Klavierpartita Nr. 1 bemerkte jeder, dass hier keineswegs ein Lückenfüller, sondern ein ganz Großer seines Fachs am Werke war. Schon die Transkription des Werks, dessen Klavierpartitur ich in- und auswendig kenne, überzeugte vollends. Linien und Strukturen traten deutlich hervor. Die saubere, kristallklare Interpretation Gerhards verlieh ihr die gebührende Transparenz und Größe. Die Klarheit des Vortrags erinnerte mich an Glenn Gould. Ein größeres Kompliment für diese außerordentliche Leistung vermag ich nicht zu formulieren! Auch der weitere Vortrag mit Stücken aus Bulgarien bzw. von Theodorakis wies, wenngleich in anderer Formensprache, die gleiche Brillanz auf!

Den krönenden Abschluss einer schon bis dahin schier unverkraftbaren Reihe von Spitzenkonzerten gestaltete dann "Il Fenomeno", Aniello Desiderio. Seine Darbietung kann man in Worte nicht fassen, allenfalls eine Warnung über Risiken und Nebenwirkungen aussprechen. Denn es soll Leute geben, die nach seinem Konzert keine Gitarre mehr angerührt haben. Dennoch versuche ich es so nüchtern es geht: Aniello eröffnete mit der wunderbar, kaum hörbar hingehauchten "Melancholy Galliard" von Dowland und eröffnete sein Maschinengewehrfeuer dann erstmals mit " My Lady Hundsons Puffe". Dann wieder ein Friedensangebot: die Mozart-Variationen von Sor, fein gesponnen, in vornehmer Zurückhaltung und dennoch bezwingender Klarheit! Wunderbar geschliffen, alle Register ausnutzend vom feinsten ppp bis zum brutalsten fff dann die Turina-Sonate op. 61. Auch hier wechselte Aniello "im Fluge" alle denkbaren Techniken, Lautstärken, Klangfarben und Tempi. In der Tat stellte sich selbst manch "alter Hase" zunehmend die Frage, ob so etwas technisch überhaupt möglich ist oder ob man das unglaubliche Geschehen nur träumt. Auch die zahlreichen Zugaben gerieten zu Erlebnissen der unglaublichen Art, selbst die in philosophischer Kontemplation vorgetragene "Gnossienne" Nr. 1 von Satie.

Sprachlosigkeit und staunendes Kopfschütteln wirkten bis in die anschließende Party im Hause Villigst fort, wo ich dann den Mut aufbrachte und an Aniello die im Raum stehende Frage richtete, ob er überhaupt ein menschliches Wesen sei...

Auch diese "konzertabrundenden" allabendlichen Abschlusspartys, bei denen man sich bis morgens früh mit den phänomenalen Künstlern ebenso wie mit den "Leidensgenossen" auf allen Gesprächsebenen über lebensumfassende Gegenstände austauschen konnte, machen den besonderen Reiz dieses Symposions aus. Ebenfalls zu erwähnen ist das reichhaltige Verlagsangebot an Noten- und sonstigem Begleitmaterial, vor allem aber an Spitzeninstrumenten, die zahlreiche Aussteller präsentierten und die man nach Herzenslust, auf Wunsch auch im zurückgezogenen Kämmerlein, testen durfte. Die schon runde Angebotspalette wurde weiter abgerundet durch Fingeraerobic-Übungen mit Dale Kavanagh und Yoga-Übungen mit Danielle Cumming.

Leider konnte ich aus terminlichen Gründen den Abschlussabend mit der Präsentation des Ensembles und einzelner Auftritte von "Studenten" nicht mehr mitmachen. Die dann regelmäßig folgende Abschlussparty soll dem Vernehmen nach stets den eigentlichen Höhepunkt (wenn auch sui generis) einer solchen Woche bieten. Im nächsten Jahr werde ich versuchen, auch diese Krönung noch mitzunehmen.

Thomas Kirchhoff und seine Mitorganisatoren verdienen ein großes Kompliment für eine kulturelle und organisatorische Großtat, wie sie dieses 17. Symposion und die ganze Serie darstellen! Auch unter dem Aspekt des Preis-Leistungs-Verhältnisses dürfte die Veranstaltung weltweit einzig dastehen!

Für das nächste Jahr zeichnet sich schon jetzt eine geradezu atemberaubende Liste in Iserlohn auftretender Künstler ab, etwa John Williams, Alvaro Pierri, Oscar Ghiglia, Los Romeros (in neuer Besetzung) und weitere Großkaliber. Anmeldungen über Internet werden ab 15. November 2008 möglich sein.

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