Symposion 2007 - Erlebnisbericht eines Teilnehmers
Von Gangolf Hontheim, Lebach (Saar)
Ausgelassene Stimmung auf den abendlichen Partys
Nachdem ich im letzten Jahr zusammen mit meinem Duo-Partner Günter Weber ("Duo Catalán") über das 15. Symposion in Iserlohn berichtet
habe (vgl. GA IV/06), möchte ich mich - gerade aus dem Blickwinkel der Erfahrung und des Vergleichs - auch über
die diesjährige Veranstaltung äußern.
Zunächst zum äußeren Rahmen: Mit gewohnter Solidität hatte Thomas Kirchhoff auch diesmal alles im Griff, sowohl die
vorbereitende als auch die begleitende Organisation. Von der Unterkunft bis zur Verpflegung , die wie gewohnt
immerhin drei Buffet-Mahlzeiten und den Nachmittagskaffe mit Kuchen einschließt, von der Organisation bis zur Einteilung
der Einzel-, Duo- und Gruppenunterrichte blieben keine Wünsche offen. Die Anlage "Haus Orthlohn", die Tagungsstätte der
Evangelischen Akademie, bildete mit ihrem Interieur ebenso wie mit ihrer herrlichen Einbettung in die umgebende
Parklandschaft für uns und die vielen weiteren "Wiederholungstäter", aber wohl auch für Erstteilnehmer eine Woche
lang eine zweite Heimat
Als aktive Dozenten waren teils von Iserlohn bekannte, teils neue Gesichter eingesetzt: Wie stets Gerald García,
das "Maskottchen" der Veranstaltung, stets zu Verrücktheiten aufgelegt, in der Sache der Musik als Dozent
und Ensemblekomponist jedoch ebenso konsequent wie seriös; weiterhin -ohne Anspruch auf Vollzähligkeit-:
Dale Kavanagh, Laura Young, Frank Gerstmeier, die Brüder Adam und Bruce Holzman, Tom Johnson,
Ulrich Stracke, Andrea Vettoretti, Michael Newman, die Zwillingsbrüder Katona, Hans-Werner Huppertz
und Roberto Limón.
Als Duo hatten wir Unterricht bei Ulli Stracke (mit den "Drewries Accords" anonymer Herkunft und mit "Villanesca", der Nr. 4
der spanischen Tänze von Granados); ernsthaft, klar und souverän die Anmerkungen Ullis zum Puls der Stücke und zur konsequenten
Interpretation; weiterhin bei Frank Gerstmeier (Segovias "Divertimento"): ein ganz anderer Typ (quasi Rheinländer, mit Tendenz
nach oben zum Fast-Saarländer), mit entsprechendem Lehrstil, aber musikalisch ebenso fundiert und fruchtbar; dann bei Michael
Newman (mit der "Toccata" von Pierre Petit), dessen distinguierte, dadurch geradezu köstliche, aber von breiter und tiefer
Allgemeinbildung geprägte Dozenturweise uns unvergessen bleibt, und schließlich bei Zoltan Katona (mit der Nr. 2 aus der
"Tango-Suite" von Piazzolla), der das Stück mit seinem Brüder ebenfalls im Repertoire hat und uns zu vielen Passagen
traumhafte Interpretationsvarianten vorspielte!
Die Einzelunterrichte überzeugten nicht minder: Zunächst musste ich bei Dale Kavangh die ihr schon lange angedrohte Stunde
mit der "Invocación y danza" von Rodrigo überstehen ("überstehen" bezieht sich selbstverständlich auf das Stück!). Das Werk
verfolgt mich mental seit 4 Jahrzehnten. Ich halte es -trotz seiner "ungitarristischen" Klippen, aber wegen des überzeugend
konzipierten, durchgehenden Yin-Yang-Antagonismus´ - für eine der stärksten Originalkompositionen für Gitarre überhaupt.
Die Stunde war ebenso herausragend wie notwendig, weil man bei der Komposition an mehreren Stellen auf fachmännischen -pardon:
fachfraulichen Rat zur technischen und interpretatorischen Bewältigung angewiesen ist. (Für ein Format wie Dale bedeuten
solche Hämmer kaum eine Herausforderung.) Jetzt kann ich getrost für den Rest meines Lebens zumindest das "Richtige" üben…
In einer weiteren Stunde konnte ich bei Jérémy Jouve das "Preambulo" aus der Suite in D von Ponce vertiefen. Über dieses
Stück, barocke Souveränität ausströmend und erhaben wie das Gebäude einer Kathedrale, hatten Segovia und Ponce sogar
die Fachwelt erfolgreich für Jahre hinters Licht geführt und die Urheberschaft Alessandro Scarlatti angedichtet.
Zu den Konzerten: Den ersten Abend gestaltete Pepe Romero im vollbesetzten Parktheater Iserlohn. Profunde Technik,
Erfahrung und Seelenverwandtschaft mit der Kultur und Mentalität Spaniens (Albéniz, Turina, de Falla und Tárrega u.a.)
kennzeichneten erwartungsgemäß sein Spiel. Die 2. Hälfte geriet nach meinem Geschmack etwas zu flamencolastig, aber bei
einem Pepe ist auch eine solche Auswahl durchaus legitim und für das überwiegende Publikum offenbar konsensfähig.
Den zweiten Abend - jetzt wieder in dem gewohnteren und nach meinem Geschmack wesentlich kultivierteren Interieur der
Obersten Stadtkirche - gestaltete zunächst Dale Kavanagh mit Eigenkompositionen ("Briny Ocean", einem Arrangement des
gleichnamigen Liedes aus ihrer kanadischen Heimat Nova Scotia, "Three Preludes", "Two Etudes for Roberto" und weiteren
"Three Pieces"); Kommentar fast überflüssig: erwartungsgemäß souverän, zupackend, makellos- besser geht´s nicht! Die
zweite Hälfte galt dem Auftritt von Roland Dyens, dem "Keith Jarret der Gitarre". Wie stets bei ihm gab es keinen
Vorabdruck der Titel, sondern jeweils seine mündliche Ansage zu den Eigenarrangements, weshalb mir auch nur der bekannte
Gillespie-Titel "A night in Tunisia" erinnerlich ist. Das Echo auf das Konzert war in den Nachdiskussionen erwartungsgemäß
gespalten vom schieren Enthusiasmus bis zur kritischen Distanz. Ich persönlich gehöre - mit Verlaub - eher zum Lager seiner
Kritiker, aber auch hier gilt offensichtlich die modernere Maxime: Erlaubt sei, was gefällt!
Gute Stimmung - sowohl in der Akademie als auch bei den Konzerten.
Am folgenden Tag erhielt das junge Baltic Guitar Quartet, dessen Mitglieder im Vorjahr schon als Schüler
in Iserlohn waren, Gelegenheit zu einem kurzen Auftritt in der Kapelle auf dem Campus der Akademie. Leider waren
die Platzverhältnisse so ausgereizt, dass ich in der Traube vor dem Gebäude stehend nur dumpfe Klänge mitbekam. Dem
Vernehmen nach war der Auftritt mit Stücken von Boccherini, Bizet und einer für das Quartett geschriebenen aktuellen
Komposition von Jonas Tamulionis jedoch sehr gelungen. Den ersten Teil des Abendprogramms in der Stadtkirche gestaltete
das Duo Michael Newman/Laura Oltman mit solider Technik auf der Grundlage ausgewachsener musikalischer und
interpretatorischer Erfahrung. Neben Stücken von Dusan Bogdanovic und Augusta Read Thomas interessierten uns als
Duo wegen des vergleichbaren Repertoires verschiedene Arrangements von Albéniz-Stücken , die sehr überzeugend
rüberkamen.
Nach ungeteilter Einschätzung den überragenden Höhepunkt des Abends bildete aber der anschließende Auftritt des jungen
französischen Duos Judicael Perroy und Jérémy Jouve. Klänge vom Allerfeinsten, traumwandlerische Technik, ausgefeilte
Musikalität - nur Superlative sind hier zugelassen! Beide konnten sogar einem Napoleon Coste großartige musikalische
Inhalte entnehmen (oder verleihen); Rodrigos "Tonadilla", die mich kompositorisch keinesfalls vom Hocker reißt, hört
man anderswo live kaum so makellos und überzeugend. Getrost darf man das Duo ohne Ahnenschändung schon jetzt in die
Ebene Presti/Lagoya und Abreu einreihen! Den Höhepunkt musikalischer Vollendung -alle anderen Interpreten, deren Leistung
ich nicht schmälern möchte, mögen verzeihen - bildete dann ihre Interpretation des Capriccio BWV 992 ("Auf die Abreise
des geliebten Bruders"). Für mich - trotz des für Bach irdischen Kompositionsanlasses - eine Darbietung von ergreifender,
überirdischer Dimension, nicht von dieser Welt! Minuten reinen Glücks, in denen man um Fassung rang…Für mich war und
bleibt der Thomaskantor unerreicht! (Sollte die pointiert klingende Aussage eines Bekannten in der Tat zutreffen,
wonach die geistige Spitzenkreativität der Menschheit sich im Jahre 1750 verabschiedet hat?)
Am folgenden Abend empfahl sich Adam Holzman, ausgestattet mit einem bärenstarken Ton, zunächst mit dem "Capriccio
detto il Gran Monarca" (gemeint ist der Habsburger Ferdinand II) des Renaissancelautenisten Pietro Paolo Melii da Reggio
(die Noten musste ich mir sofort am nächsten Tag besorgen), dann mit der Carulli-Sonata op. 21 Nr. 1, dem "Triptych"
von Mark Cruz und drei Stücken von Bárrios. Alles überzeugte: der Klang, die Kraft, die Werkauswahl und das künstlerische
Verständnis! Der anschließende Auftritt des Tantalus-Quartetts mit Stücken von Mozart, Paraskevas, Domeniconi und
Dyens war (fast) makellos, aber nicht von solcher erinnernder Prägung wie das zuvor Gehörte.
Der Donnerstagabend gehörte zunächst Laura Young, einer bekannten und stetigen Größe in Iserlohn. Ihre Interpretation der
Bach-Chaconne (erkennbar ihr Leib- und Magenstück) war ebenso lupenrein wie kraftvoll, nach meiner Vorstellung fast schon
unmenschlich perfekt. Aber ein Menschheitsvermächtnis wie die Chaconne wahrt seine monumentale Größe unbeirrt, gleich wie
man an es angeht. Neben anderen, mir bisher völlig unbekannten Werken verdient die von der Gitarristin selbst arrangierte
Suite Nr. 3 op. 131 von Max Reger gesonderte Erwähnung: Abermals wurden hier die vermeintlichen Grenzen des technisch
Machbaren verschoben. Wer das Werk nicht kennt, konnte aber gerade wegen seiner Komplexität und Virtuosität in dem
Live-Konzert kaum Linie und Struktur nachvollziehen. Diese Kritik gilt nicht der zweifellos bravourösen Darbietung,
sondern der Werkauswahl. Allgemein formuliert: Macht die Live-Darbietung eines Hammerwerks noch Sinn, wenn der Hörer
schlicht "erschlagen" wird und kein bereichernder Inhalt zurückbleibt? In der zweiten Hälfte des Abends unterhielten
dann die Katona-Zwillingsbrüder um so mehr mit zwar bekannten, aber erfrischend neuartig dargebotenen Stücken u.a.
aus dem "Dreispitz" von de Falla (zuweilen glaubte man ein Orchester, nicht "nur" zwei Gitarren zu hören), mit der
Französischen Suite Nr. 5 BWV 816 (für meine Begriffe waren die schnellen Sätze fast zu schnell geraten und erlaubten
daher nur schwerlich noch die Assoziation mit dem gebotenen "esprit classique" dieser Suite) und der "Mallorca" von
Albéniz, einer wunderschönen Zeichnung der vor einem Jahrhundert noch paradiesischen Insel! Die Zugabe, u.a. eine
rasend gefeuerte Scarlatti-Sonate (K.141), war ein Genuss! Hier wiederum waren Technik und Geschwindigkeit geboten
und überzeugend präsentiert.
Intensive Hörerlebnisse.
Freitags war erstmals die zur Anlage benachbarte Johanneskirche "Austragungsort", ein Gebäude mit dem äußeren Charme
der Sechziger, aber um so überzeugenderer Innenakustik. Die Bühne gehörte im Wechsel mal dem Amadeus Guitar Duo mit
Thomas Kirchhof und Dale Kavanagh (Hut ab vor Thomas, der nach einer solchen Kampfwoche noch imstande war, die G-Dur-Chaconne
von Händel mit Dale und anderes mehr meisterhaft darzubieten!), mal Dale alleine (u.a. mit den bekannten, aber niemals
abgestandenen Pretiosen aus dem "Thesaurus harmonicus" von Prätorius), mal dem wie immer bestens aufgelegten Duo
Eden/Stell (mit herausragenden Interpretationen u.a. des minimalistischen "Generator" von Gary Ryan und der "Estampas"
von Tórroba), mal allen Vieren als Quartett (u.a. mit dem 3. Brandenburgischen Konzert). Nach einhelliger Bekundung
ein höchst gelungener Ausklang der Profi-Konzertreihe!
Den letzten Tag mit dem Konzert ausgewählter Schüler konnten wir nicht mehr mitnehmen, weil zuhause noch andere
Pflichten auf uns Familienväter warteten. Um so intensiver gestaltete sich der Vorabend der Abreise in den
Aufenthaltsräumen der Akademie…Aspirin gehört nach der Gitarre zu den wichtigsten Erfindungen der Menschheit!
Schon die Abende zuvor ergaben für uns eine äußerst interessante Bekanntschaft mit einem holländischen Komponisten
und Musikwissenschaftler (Rolf Straver), der uns eine Duo-Komposition versprach. Sie liegt uns inzwischen bereits
vor und klingt vielversprechend!
Auch der weitere Rahmen ließ während der Woche keine Wünsche offen: die Noten-, Zubehör- und Instrumentenaussteller (u.a.
Chanterelle, Trekel, Schneider, Fredholm u.v.m.) waren wie immer dicht umringt, das Angebot überreich und die Testmöglichkeiten
unbegrenzt. Sogar ein örtlicher Fernsehkanal interessierte sich für das Ereignis und drehte mit Interviews live das Randgeschehen
mit uns Saiteneinsteigern.
Ein bisschen Wehmut verspürte ich beim Abschied, denn die Evangelische Kirche wird das "Haus Orthlohn" veräußern. Es gehört als
Tagungs-und Unterbringungsort des Symposions also der Vergangenheit an. Aber wer Thomas Kirchhoff kennt, weiß, dass er Bewährtes
nur gegen noch Besseres eintauscht: Ab dem kommenden Jahr wird das wenige Kilometer nordwärts gelegene "Haus Villigst" vor den
Toren von Schwerte, ein aus dem 12. Jahrhundert stammendes, soeben auf den neuesten Stand des Komforts und der multimedialen
Kongressanforderungen gebrachtes Rittergut, das Symposion beherbergen. Ich habe mir während der Woche einen kleinen Abstecher
dorthin erlaubt. Der Eindruck war großartig: die Gebäude ebenso wie die Einbettung der Anlage in einen Gutspark unmittelbar
am Ufer der dort noch unberührten Ruhr! Ein Stück "alter Heimat" bleibt jedoch: die Abendkonzerte werden nach wie vor in der
Obersten Stadtkirche Iserlohn (für die Teilnehmer erreichbar per Bustransfer) stattfinden. Ich freue mich schon jetzt auf das
kommende Symposion und weiß, dass es dank Thomas und seiner emsigen Helfer bei weltweit ununterbotenem Preis-Leistungsverhältnis
ebenso gelungen und rund sein wird wie die bisherigen Veranstaltungen!
Zum Symposion im kommenden Jahr (03. -10. August) kommen das L.A. Quartet, David Russell, Aniello Desiderio, Costas Cotsiolis,
Pavel Steidl, das Duo Montes-Kircher, Giampaolo Bandini und Cesare Chiacciaretta, Andrea Vettoretti, das Duo Caputo-Pompillo,
Scott Morris, Eli Kassner, Gerald Garcia, Dale Kavanagh, Laura Young, Frank Gerstmeier, Tom Johnson, das Baltic Guitar Quartet,
Tom Kerstens, Wolfgangh Lehmann und Thomas Kirchhoff als Dozenten und Interpreten. Anmeldungen ab 1. November unter
www.guitarsymposium.com.
Vier Tage vor dem Festival findet der 3. Int. Gitarren-Wettbewerb statt (20.000 Euro Preise) unter: www.iserlohn-competition.com.
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